Reuter als Nationaldichter

Jenaische Burschenschaft

Auf Anfrage sandte Herr Torben Braga Z! -Sprecher i.A., Ferienausschuss- der Jenaischen Burschenschaft Germania, folgende Information: ".. bezüglich meines Bundesbruders Fritz Reuter, seiner Lebensgeschichte und Mitgliedschaft in der Jenaischen Burschenschaft Germania zitiere ich am besten unsere Bundesgeschichte aus 1996, von Bernhard Schröter".

Die Fritz Reuter Gesellschaft dankt der Jenaischen Burschenschaft Germania für diesen Beitrag und die Genehmigung, diesen hier veröffentlichen zu dürfen.

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Fritz Reuter wurde am 7.November 1811 [korrekt ist das Geburtsjahr 1810 - Die FRG e.V.] in Stavenhagen/Mecklenburg geboren. Als Gymnasiast in Friedland wurde er von seinem Lehrer Karl Otto Horn, erster Sprecher der Jenaischen Urburschenschaft, burschenschaftlich beeinflusst. Im Jahre 1831 begann Fritz Reuter ein nicht sonderlich ernsthaft betriebenes Studium der Rechtswissenschaften in Rostock. Ein Jahr später wechselte er nach Jena. Hier hat sich nach der Verbotszeit die Burschenschaft neu gegründet. Sie wollte für ein freies und gerecht geordnetes Staatswesen und für die Pressefreiheit eintreten. Außerdem beschloss sie den verhängnisvollen Zusatz: Jeder Burschenschafter sollte im Falle eines Aufstandes verpflichtet sein, daran teilzunehmen. Der Burschentag hatte nämlich im Jahre 1831 beschlossen, dass die Burschenschaft ihr Ziel der Einheit und Freiheit Deutschlands auf dem Wege der Revolution erstreben sollte.

Reuter wurde am 23.Mai 1832 "auf den Brauch" der (allgemeinen) Burschenschaft, der damals vereinigten Burschenschaften, verpflichtet. Seine endgültige Aufnahme erfolgte am 13. Juli 1832, in der gleichen Versammlung, welche die erneute Trennung der Burschenschaft in eine arministische und germanistische Richtung vollzog. Reuter wechselte mit dem germanistischen Zweig auf der Jenaer Lokalität "Fürstenkeller". Er war Jenenser Germane geworden, und dies sollte, obwohl er wenig später wieder ausgetreten ist, für ihn schlimme Folgen haben. Später hat er das Ehrenband der B! Arminia auf dem Burgkeller erhalten.

Jena bot in diesen Jahren auch für fleißige Studenten wenig Muße zum Studium: Die Losungen des Hambacher Festes, die Einheitsforderungen der deutschen Demokraten fanden gerade in der Hochburg der Burschenschaft starken Widerhall. Der Freiheitsdrang machte sich in einer Reihe von Tumulten Luft. Umzüge und Gewalttätigkeiten gegen Professoren und Pedelle führten schließlich dazu, dass Weimarer Militär zur Herstellung von Ruhe und Ordnung in Jena einrückte. Die Pedeller (althochdeutsch "bitil" für Gerichtsdiener, verwandt mit "Büttel") waren ursprünglich mit Disziplinarangelegenheiten befasste Verwaltungsbeamte der Universität. Die Pedelle waren deshalb bei Studenten höchst unbeliebt und wurden von ihnen als "Pudel" oder "Antibursch" verspottet. Bis zum 2.Weltkrieg schritten die Pedelle bei feierlichen Umzügen in Amtstracht als Träger der Universitätszepter vor dem Rektor her. Heute hat "Pedell" die Bedeutung von Hausmeister eines Universitätsgebäudes.

Dieses unruhige Umfeld blieb auch auf Reuter nicht ohne Auswirkung. Er galt als fideler, etwas wüsterer Bierstundent. Seine Bundesbrüder nannten ihn "Bierreuter". Sein Verhältnis zum Pedell war von Anfang an gespannt. Wegen Teilnahme an nächtlichen Tumulten erhielt er zweimal eine Geldstrafe. Diese Strafe zog den Eintrag in das "Sittenzeugnis", ein polizeiliches Führungszeugnis, nach sich. Reuter verließ Jena, bevor die Studenten aufgrund der Erneuerung der "Karlsbader Beschlüsse" scharenweise relegiert wurden. Als er schließlich seine Heimatstadt Stavenhangen erreichte, lag hier schon eine nachträgliche Ausweisung aus Jena vor.

Zuhause in Mecklenburg unbehelligt gelassen, glaubte sich Reuter als Ausländer in Preussen sicher und ging 1833 zur Fortsetzung seines Studiums nach Berlin. Dort setzten die "Demagogenverfolgungen" ein. Eine neue Zentraluntersuchungskommission hatte gegen ungefähr 2.000 Verdächtige, davon 1.200 Burschenschafter, Untersuchungen angeleitet. Als Angehöriger der als hoch-verräterisch geltenden Germania, wurde Reuter sofort verhaftet. Alle Reklamationen der Mecklenburger Regierung blieben vergeblich; drei Jahre lang wurde Reuter unter erbärmlichen Bedingungen in Haft gehalten. Im Jahre 1836 fällte schließlich das Kammergericht in Berlin die Urteile über 192 Studenten. Reuter wurde mit 38 Leidensgenossen zum Tode verurteilt, dann aber vom preußischen König zu 30 Jahren Festungshaft begnadigt. Für die Verurteilung hatte schon die Mitgliedschaft in der Jenaischen Germania ausgereicht. Das "grugliche Verbreken" des versuchten Hochverrats kennzeichnete Reuter später in seinem autobiografischen Roman "Ut mine Festungstid" mit den Worten:
"Ick hadd up eine dütsche Uneversetät an den hellen lichten Dag de dütschen Farwen dragen."

In der Folgezeit wurde Reuter von Kerker zu Kerker geschleppt, war Kälte und Willkür ausgesetzt, musste bisweilen hungern, erhielt Leseverbot, war dort mit Kriminellen zusammengesperrt, bis es dem mecklenburgischen Großherzog im Jahre 1839 gelang, wenigstens eine Verlegung auf die mecklenburgische Festung Dömitz an der Elbe zu erreichen. Anlässlich seiner Thronbesteigung im Jahre 1840 begnadigte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. alle politischen Gefangenen, nur Reuter vergaß er. Gleichwohl entließ ihn der mecklenburgische Großherzog noch im gleichen Jahr in die Freiheit.

Für Reuter begann ein schwerer Weg. Die Jahre der Hoffnungslosigkeit in der Haft hatten ihn zum Alkoholiker gemacht. Trunksuchtsanfälle sollten ihn sein ganzes Leben begleiten. Nach einer vergeblichen Wiederaufnahme seines Jurastudiums in Heidelberg rief ihn sein Vater in die Heimat zurück. Reuter lernte in einem Dorf bei Stavenhagen Landwirtschaft und war danach Wirtschafter. Nach dem Tod seines Vaters, der ihn enterbt hatte, war Reuter einige Jahre ohne festen Wohnsitz. Als Mitglied das Stavenhagener Reformvereins nahm er im Jahre 1848 am Deputiertentreffen der mecklenburgischen Reformvereine in Güstrow teil. 1850 war er Privatlehrer für Zeichnen und Turnen in Treptow an der Tollense, 1851 heiratete er und wurde 1855 Redakteur des "Unterhaltungsblattes für beide Mecklenburg und Pommern" Als Wahlmann der Stadt Treptow nahm er an der Wahl zum preußischen Abgeordnetenhaus teil. Dabei setzte er sich für den Kandidaten der Liberalen ein. Im Jahre 1856 siedelte Reuter nach Neubrandenburg um.

In der Geborgenheit einer guten Ehe entwickelte sich Reuters dichterisches Talent. In seinen Werken in mecklenburgischer Mundart schilderte er die Menschen seiner Heimat mit einem so herrlichen Humor, dass er dem Plattdeutschen wieder einen eigenen Rang in der deutschen Dichtung verschaffen konnte und überall in Deutschland gelesen wurde. So blieb auch der finanzielle Erfolg nicht aus. Im Jahre 1863 zog das Ehepaar nach Eisenach und baute sich dort ein großes Haus mit Wartburgblick, was heute noch als Fritz-Reuter Museum zu besichtigen ist.

Mecklenburg feierte seinen großen Dichter und die Universität Rostock verlieh im Jahre 1863 den Doktortitel honoris causa. Im Alter verkehrte er auf dem "Burgkeller", wo damals Arminen und Germanen ihre Kneipe hatten. Im Jahre 1865 nahm er an der 50.Jahresfeier der Burschenschaft zu Jena teil. Im Festzug war er einer der Begleiter der Fahne von 1816 ( "Der Frauen und Jungfrauen zu Jena"). Fritz Reuter starb am 12.Juli 1874 in Eisenach.


vgl. Schroeter, Bernhard, Leben und Streben dem Vaterland: Die Geschichte der Burschenschaft Germania zu Jena; Festschrift zum 180.Stiftungsfest. Göttingen 1996. Hier: Band I, S. 13-14.